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Hochmuseale astronomische Bodenstanduhr mit ewigem Kalender, sog. Cajetano-Uhr

Hochmuseale astronomische Bodenstanduhr mit ewigem Kalender, sog. Cajetano-Uhr

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Wien, um 1777

signiert
„Fr. David a. St. Cajetano Ord. St. Augs. Disc. in Wienn“
Uhrmacher
Frater David a San(cto) Cajetano (Ru(e)tschmann
*1726 Lembach/Schwarzwald, 1754 Eintritt in den Augustiner Orden, †1796 Hofkloster, Wien
Gehäuse
mit Marketerien aus Nuss- und Nusswurzelholz, Obstholz und Ahorn, blattvergoldete Holz-Ornamentleisten
Zifferblatt
Fronton graviert und feuervergoldet, feuervergoldete Bronzeapplikationen, versilberter Ziffernring, 11 versilberte Hilfszifferblätter
Hauptfeld des Zifferblattes: 12 Stunden-Ziffernring mit Stunde, Minute und Zentralsekunde sowie Monddatum (synodische Periode) mit zentralem Zeiger mit Mondscheibe;
vier Hilfszifferblätter mit Anzeige der Wochentage der Monate mit Tierkreiszeichen, der Sternzeit und der Italienischen Zeit
Giebelfeld des Zifferblattes: drei größere Hilfszifferblätter für den Monatskalender mit Sonnenauf- und Sonnenuntergang sowie Tierkreiszeichen, für das Tagesdatum und für den Drakonitischen Monat (Drachenmonat) mit Monddeklination und drachenförmigem Zeiger;
vier kleine Hilfszifferblätter für Carillonabstellung, Schlagabstellung, Lautstärkedämpfung des Schlages und Feinregulierung, feuervergoldete, teils dunkelblau gefärbte kugelförmige Mondphase
Werk
einzigartiges Uhrwerk mit komplexem Räderwerk! Grahamgang, 3 Gewichte, Stundenschlag auf Glocke und Viertelstundenschlag mittels 7 Glocken-Carillon, Repetition
Höhe
260 cm

Provenienz: bis 1835 habsburgisches Hofkloster Wien, danach österreichischer Privatbesitz

abgebildet in: H. Killian: David a San Cajetano. Mönch, Uhrmacher und Genie, in: Klassik Uhren. Journal für Sammler klassischer Zeitmesser, 1996, Heft 3, S. 37.
F. Kaltenböck: Die Mechanik der Cajetano-Uhren, in: Klassik Uhren. Journal für Sammler klassischer Zeitmesser, 1996, Heft 4, S. 39 u. 40.

Frater David a San Cajetano (David Ru(e)tschmann) ist einer der bedeutendsten Uhrmacher in der Geschichte der Wiener Uhrmacherkunst und machte Wien aufgrund seiner außergewöhnlichen Leistungen zum aufstrebenden Zentrum des internationalen Uhrmacherhandwerks.

Geboren am 5. Oktober 1726 in Lembach im Schwarzwald, absolvierte David Ru(e)tschmann eine Ausbildung als Tischler. Seine Wanderjahre führten ihn 1746 nach Wien, wo er 1754 in das Augustinerkloster Mariabrunn (Wien Penzing) eintrat und den Ordensnamen David a San(cto) Cajetano annahm. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten wurde er 1760 in das habsburgische Hofkloster der Wiener Hofburg berufen. So hatte er die Möglichkeit Vorlesungen in Mathematik und Mechanik an der Universität zu besuchen und sich intensiv mit Astronomie zu beschäftigen.

Mit seinem überlegenen mathematischen und technischen Genie eignete sich Cajetano ein unvergleichliches Wissen über Uhrenmechanik an und entwickelte atemberaubend komplexe Räderwerke. So war es ihm möglich, deutlich exaktere Anzeigen komplizierter Himmelskörperbewegungen zu konstruieren. 1760 bis 1769 schuf Cajetano eine erste astronomische Uhr für das habsburgische Hofkloster der Augustiner, welche sich heute im Wiener Uhrenmuseum befindet. Um 1777 entstand für denselben Ort der von uns präsentierte zweite eigenhändig gefertigte Zeitmesser Cajetanos, eine großartige astronomische Bodenstanduhr. Anders als bei seiner ersten Uhr von 1769, die sich heute im Uhrenmuseum Wien befindet, ist bei vorliegender Uhr von 1777 das großteils originale Gehäuse erhalten. Cajetano, welcher auch als „Arcularius“ (lat. „Tischler“) für die Augustiner tätig war, hat wohl bei der Entstehung des kunstvoll furnierten Gehäuses wesentlich mitgewirkt.

Zwei weitere astronomische Bodenstanduhren sind Cajetano zuzuschreiben, welche zwar von ihm entworfen, jedoch von anderen Uhrmachern ausgeführt wurden. Einer dieser beiden Zeitmesser wurde um 1793 für Kaiser Franz II. von Uhrmachermeister Ignatz Berlinger gefertigt und lässt sich heute in den Räumlichkeiten des österreichischen Bundespräsidenten in der Hofburg bewundern. Bei der anderen handelt es sich um die sogenannte „Schwarzenbergische Uhr“. Diese astronomische Bodenstanduhr wurde von Fürst Schwarzenberg in Auftrag gegeben und ist nach wie vor im Besitz der Familie. Ausgeführt wurde sie je nach Quelle 1786 oder 1793 von Cajetanos Neffen, dem berühmten Uhrmachermeister Joseph Ruetschmann.

Für bahnbrechende Forschungen wurde Cajetano zum korrespondierenden Mitglied der Akademien von Wien, Berlin und St. Petersburg ernannt. Wie bedeutend er auch für die Geschichte des Augustinerordens ist, verdeutlicht seine Aufnahme in das 1775 von Johann Bergl gemalte Deckenfresko des Bibliotheksaals des Hofklosters, dem heutigen Augustinerlesesaal der Österr. Nationalbibliothek. Dort ist Frater Cajetano mit Armillarsphäre und Winkelmesser als Personalisierung der Astronomie dargestellt.

Als einzige der vier von Cajetano geschaffenen bzw. entworfenen Uhren ist dieser Zeitmesser mit einer Zentralsekunde sowie Viertelstundenschlag auf Carillon mit sieben Glocken ausgestattet. Das außergewöhnliche Werk betreibt mittels eines komplexen Räderwerks eine Vielzahl von Anzeigen. Das beeindruckende Zifferblatt hat einen großen Ziffernring für Stunde, Minute, Sekunde und Monddatum (synodische Mondperiode von 29 Tagen) sowie insgesamt 11 Hilfszifferblätter und eine kugelförmige Anzeige der Mondphase. Zu den Indikationen zählen drei größere Hilfszifferblätter für den Monatskalender mit Tierkreiszeichen und Sonnenauf- und Sonnenuntergang, für den Drakonitischen Monat mit drachenförmigem Zeiger und für das Tagesdatum mit halbkreisförmig angeordneten Ziffern. Die vier kleineren Anzeigen um das Zifferblatt zeigen die Wochentage mit astrologischen Symbolen, die Monate mit Tierkreiszeichen, die Italienische Zeit (24 Stunden vom Sonnenuntergang gemessen) und die Sternzeit (24 Stern-Stunden –
geringfügig kürzer als die Stunden des Sonnentages). Die vier kleinsten Ziffernringe dienen der Abstellung von Schlag und Carillon, der akustischen Dämpfung des Schlages sowie der Feinregulierung.

1835, etwa ein Jahr vor Auflösung des Augustiner Hofklosters, wurden die beiden dort befindlichen Cajetano- Uhren verkauft. Die erste kam über Umwege in die Sammlung des Uhrenmuseums Wien; der vorliegende Zeitmesser ging jedoch direkt in österreichischen Privatbesitz über und
ist nun erstmals – nach fast 200 Jahren – im Kunsthandel zu erwerben.