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Gotisches Relief „Heiliger Augustinus“ mit Tafelbild (verso)

Gotisches Relief Heiliger Augustinus mit Tafelbild verso

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Zeit
Oberösterreich, um 1480/90
Material
Relief: Lindenholz geschnitzt, großteils originale polychrome Fassung und Vergoldung, Tafelbild: Tempera und Öl auf Holz
Maße
82,5×73,5 cm

Der heilige Augustinus, Bischof von Hippo, ist einer der bedeutendsten Theologen der Kirchengeschichte und hat mit seinen über 100 Schriften das Christentum wesentlich mitbestimmt. Neben Ambrosius, Hieronymus und Papst Gregor I. zählt er zu den vier lateinischen Kirchenvätern. Er ist Ordensvater der Augustiner Chorherren und Augustiner-Eremiten sowie aller weiteren Orden, die nach den Regeln des heiligen Augustinus leben (Dominikaner, Malteser, Deutscher Orden, Barmherzige Brüder etc.). Der 354 im nordafrikanischen
Thagaste (Algerien) geborene Professor für Rhetorik ließ sich 387 in Mailand taufen und wurde 396 zum Bischof geweiht – ein Amt, das Augustinus bis zu seinem Tod im Jahr 430 mit großem Einfluss weit über die Grenzen seiner Diözese hinaus ausübte.

Das vorliegende meisterlich geschnitzte gotische Relief aus der Zeit um 1480/90 zeigt Augustinus als jugendlichen Bischof an seinem Schreibpult. Die Drapierung des prachtvollen Gewandes und der weit ausgestreckte Fuß des Heiligen verleihen dem üblicherweise statischen Sitzmotiv eine ungeahnte Dynamik. Die Sitzbank und das Pult sind reich mit Rankenwerk verziert; auf der Rückenlehne findet sich der Name des großen Kirchenlehrers.

Es handelt sich um ein Panel der Festtagsseite eines heute verlorenen gotischen Flügelaltars, welcher vermutlich einst alle vier Kirchenväter im Relief zeigte – vergleichbar dem Kirchenväter-Schrein von St. Leo in Bibra (Thüringen) aus der Tilman Riemenschneider- Werkstatt. Die Komposition des Reliefs sowie die Rankenornamente erinnern stark an Veit Stoß’ Epitaph des Philippus Callimachus (Dominikanerkirche Krakau, um 1496) – vielleicht gab es für die beiden Bildwerke eine gemeinsame, heute unbekannte Vorlage.

Das nahezu liebliche Gesicht des Heiligen mit kleinem lächelndem Mund erinnert an die Physiognomie mancher Skulpturen des Meisters des Kefermarkter Altars. Stilistisch lässt sich das hochmuseale Relief demnach am besten in den oberösterreichischen Raum einordnen.
Auf der Rückseite befindet sich – entsprechend dem Aufbau eines Flügelaltars – ein kunstvolles Tafelbild (Tempera und Öl) mit der Darstellung des Salomonischen Urteils. Es zeigt einen prächtig gekleideten Mann, zwei Damen sowie einen kleinen Knaben. Ein Fenster gibt den Blick in eine detailreich gemalte naturalistische Landschaft mit einer stattlichen Feste frei. Ein mittelalterliches Objekt von solcher Qualität wie auch Vollständigkeit ist von größter Seltenheit.